Wulf D. Hund

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Rassismusanalyse

In den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts verließen die ersten Raumsonden unser Sonnensystem. Die Nasa gab Pioneer 10 und 11 Plaketten mit, denen extraterrestrische Intelligenzen Wissen über die Erde und die Menschen entnehmen sollten. Den Designern dieser Botschaft erschien es selbstverständlich, die Menschheit durch ein weißes Paar und dieses in sexistischer Rollenverteilung zu präsentieren. 

Der galaktische Rassismus verdeutlicht symbolisch die Aufgaben der Rassismusanalyse. Sie darf sich weder seinem universellen Anspruch beugen, noch sich mit seiner epochalen Eingrenzung bescheiden. Trotzdem sind beide Positionen weit verbreitet. Die eine vermutet primordiale Bedingungen rassistischen menschlichen Verhaltens, das sie zwar historisch zu spezifizieren bereit ist, aber gleichwohl an transhistorische Voraussetzungen bindet. Die andere versucht, Rassismus zeitlich zu beschränken, indem sie ihn an die Kategorie Rasse und diese wiederum an die Entwicklung des modernen Kapitalismus und die Expansion des europäischen Imperialismus koppelt.

Beide Positionen existieren in zahlreichen Varianten. Daß sie methodisch zu kurz greifen, versuche ich in meiner Auseinandersetzung mit den Dimensionen und der Reichweite der Rassismusanalyse zu verdeutlichen. Sie beruht auf einer langjährigen intensiven Beschäftigung mit rassistisch geprägten Prozessen gesellschaftlicher Inklusion und Exklusion, die ich nach den Mordanschlägen in Rostock, Mölln und Solingen 1992/93 begonnen habe, als eine Gruppe Studierender die Einrichtung eines Studienprojekts zum Thema Rassismus beantragte und mich von der Notwendigkeit der Mitarbeit überzeugte.

Zu Beginn meiner Studien mußte ich mein Wissen um eine Reihe schmerzhafter Erkenntnisse erweitern. Das galt sowohl für den Rassismus der Aufklärung (der bis heute in vielen Beiträgen zur Geschichte des Rassismus bestritten oder ignoriert wird) wie für den Antisemitismus des Frühsozialismus (der nach wie vor unzureichend erforscht ist), für die sozialistische Eugenik (die erst in jüngster Zeit in ausführlicheren Studien behandelt wurde) wie für den Rassismus in der Arbeiterbewegung (dessen Geschichte erst ansatzweise untersucht ist). Dabei stellte sich heraus, daß Rassismus als Ideologie, zumal als solche konservativen oder reaktionären Ursprungs, nur einseitig und unzulänglich begriffen wäre. Er muß vielmehr als gesellschaftliches Verhältnis untersucht werden, in dem sich mit Geschlecht, Klasse, Nation, Kultur und Rasse zahlreiche Kategorien sozialer Inklusion und Exklusion überlagern und vermischen.

Im Verlauf seiner Analyse habe ich mich zunächst mit einer Reihe von Fallstudien zu verschiedenen rassistischen Stereotypen befaßt. Sie wurden in Wulf D. Hund: Rassismus. Die soziale Konstruktion natürlicher Ungleichheit. Münster: Westfälisches Dampfboot 1999 veröffentlicht. Anschließend habe ich ausführlich die begrifflichen, historischen und strukturellen Dimensionen der Rassismusanalyse behandelt und versucht, die Ergebnisse zu einer Gesamtschau ihrer Reichweite zu verdichten. Sie sind in Wulf D. Hund: Negative Vergesellschaftung. Dimensionen der Rassismusanalyse. Münster: Westfälisches Dampfboot 2006 erschienen. Vor dem Hintergrund der dort entwickelten Überlegungen habe ich eine Einführung in die Thematik erarbeitet, die sich schwerpunktmäßig mit Entwicklungsetappen und Diskriminierungsmustern des Rassismus beschäftigt und in Wulf D. Hund: Rassismus. Bielefeld: Transcript 2007 publiziert worden ist.

Die Perspektive meiner Untersuchungen findet sich im Schlußkapitel des Bandes "Rassismus" (2007) knapp zusammengefaßt. Es plädiert für einen paradigmatischen Wandel in der Rassismusanalyse. Dort wird bis heute Rassismus häufig an Rasse gebunden, was seinen Enstehungszusammenhang verkehrt und seinen Begründungszusammenhang verschleiert. Rassen wie das zu ihrer Bestimmung entwickelte und volkstümlich gewordene Schema der Hautfarben sind nur eines der historischen Muster rassistischer Diskriminierung. Ihre verschiedenen Formen lassen sich durch die Gegensatzpaare wie "Menschen und Monster", "Kultivierte und Barbaren", "Reine und Unreine", "Erwählte und Teufel", "Zivilisierte und Wilde", "Weiße und Farbige", "Wertvolle und Minderwertige" fassen. Eine knappe Skizze dieser Überlegungen findet sich im Stichwort: Rassismus für die 2. Auflage der 'Enzyklopädie Philosophie' (3 Bde., hrsg. v. H. J. Sandkühler. Hamburg: Meiner 2011, Bd. 3, S. 2191 - 2200).

Weil Rassismusanalyse nach wie vor aus unterschiedlichsten Perspektiven betrieben wird, die häufig nicht miteinander verbunden werden, habe ich 2010 mit der Edition einer Reihe zum Thema Racism Analysis begonnen. Sie umfaßt einerseits Studien zu den verschiedenen Aspekten der Rassismusforschung und andererseits ein Jahrbuch, dessen Bände jeweils von einem Team von Herausgebern ediert werden und sich mit unterschieldlichen Schwerpunktthemen beschäftigen.

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